Was ist deine Wut – Feind oder Freund?

Judith Oesterle denkt über die Wut nach

Wie geht es dir, wenn du das Wort „Wut“ hörst? Was denkst du über Wut? Was ist Wut für dich?

  • Ein Gefühl, wie jedes andere auch?
  • Ein Gefühl, das du unterdrücken musst?
  • Ein Gefühl, das dir Angst macht?
  • Ein Gefühl, das du nicht kennst?
  • Ein Gefühl, das wichtig und wertvoll ist?

Ich möchte dich heute mit hinein nehmen in meine Geschichte mit der Wut. Und in die Frage was Wut eigentlich ist – unser Feind oder unser Freund?

Die Wut und ich – Ich und die Wut

Als ich Mutter wurde, machte ich das erste Bekanntschaft mit ihr: Dieser heftigen, unberechenbarer und unkontrollierbaren Wut in mir.

Natürlich wurde ich davor auch schon wütend. Aber nie so. Nie zuvor war die Wut so groß. Nie zuvor kam sie mit so einer Wucht über mich. Und nie zuvor schämte ich mich so sehr für sie.

Bevor ich Mutter wurde, richtete sich meine Wut selten gegen andere, sondern öfters gegen mich. Bevor ich Mutter wurde, erlebte kaum ein anderer meine Wut, nur ich.

Und jetzt war ich Mutter von diesen wunderbaren kleinem Mensch. Und wurde wütend. Auf ihn.

Mein Baby schrie und ich konnte es nicht beruhigen. – Und ich wurde wütend.

Mein Baby konnte und konnte nicht einschlafen. – Und ich wurde wütend.

Mein Baby hatte zum gefühlt 2415sten Mal in der Nacht gestillt und war immer noch nicht zufrieden. – Und ich wurde wütend.

Plötzlich konnte ich verstehen, wie es dazu kam, dass Mütter ihre Babys schüttelten. – Und das machte mir Angst.

Mehr als einmal schrie ich mein Baby an und verließ dann erschrocken über mich selbst das Zimmer. Um mein Baby zu schützen und mich zu beruhigen. – Und schämte mich schrecklich dafür.

Mein Baby wurde ein Kleinkind und ein Kindergarten Kind. Und immer wieder überrollte mich diese heftige Wut.

Er wollte seine Schuhe nicht anziehen, obwohl ich ihn freundlich darum bat. – Und ich wurde wütend.

Er wollte seine Bausteine nicht aufräumen, obwohl ich es mit allen Tricks versucht hatte, ihn dazu zu bringen. – Und ich wurde wütend.

Er warf beim Essen mit Ausdrücken um sich und hörte nicht auf, obwohl ich es wieder und wieder sagte. – Und ich wurde wütend.

Ich wurde wütend. – Und begann zu drohen.

Ich wurde wütend. – Und begann zu schreien.

Ich wurde wütend. – Und begann wirklich gemein zu meinem Kind zu sein.

Ich wurde wütend. – Und schämte mich so sehr.

Ich wollte nicht mehr wütend sein. Wollte mein Kind nicht so anschreien. – Und strengte mich so sehr an.

Und wurde wieder wütend. – Und schämte mich noch mehr.

Aus eigener Kraft gegen die Wut

Ich wollte das alles so nicht. Ich fand diese Wut so furchtbar. Ich hatte Angst meinem Kind zu schaden, wenn es immer wieder und wieder meine Wut abbekam.

Also saugte ich alle Tipps auf, die ich so bekommen konnte. Und strengte mich wirklich an sie umzusetzen.

  • „Du musst dir einfach klar machen, dass Schreien deinem Kind schadet. Seit mir das klar ist, schreie ich nicht mehr.“ (Echt! Das habe ich mal als Tipp in einer Facebook Gruppe bekommen! Aber mir war das doch schon lange klar! Was also machte ich falsch?)
  • „Atme immer ein paar Mal ganz tief durch, wenn du wütend wirst, dann wirst du wieder ruhiger.“ (Super Tipp. Wirklich. Nur – mir fiel dieser Tipp nie während einem Wutanfall ein. Sondern immer erst danach. Ich schaffte es also nicht.)
  • „Du musst dir einfach sagen, dass dein Kind nie etwas gegen dich macht. Sondern immer für sich.“ (Ja. Toller Gedanke. Den kannte ich. Und das dachte ich auch so. Eigentlich. Im Wutanfall vergaß ich das nur leider immer wieder. Ich hatte also schon wieder versagt.)

Ich gab mein Bestes. Wirklich. Ich kämpfte gegen die Wut. Wie gegen einen Feind. Ich strengte mich unglaublich an. Und versagte immer wieder. Und schämte mich noch mehr. Und verzweifelte an mir. Fühlte mich als schreckliche Mutter. Als eine, die alles falsch machte. Und wurde dadurch müde und erschöpft.

Und die Wut kam wieder und wieder.

Die Wut als Freund kennen lernen.

Ein Wendepunkt kam, als ich den Gedanken hörte und las, dass meine Wut etwas Gutes ist. Dass sie mir helfen will. Dass sie mein Freund ist.

Das erste Mal stoß dieser Gedanke auf Wiederstand. Meine Wut soll etwas Gutes sein? Na klar…

Aber ich stolperte wieder und wieder über diesen Gedanken.

Und nach und nach konnte ich mich für diesen Gedanken öffnen. Konnte ihn zulassen. Und entdecken, was dahinter steckt.

Ja, unsere Wut ist tatsächlich ein wichtiges Gefühl. Unsere Wut will uns immer etwas zeigen, auf etwas hinweisen. Auf etwas Wichtiges.

Ganz allgemein zeigt Wut uns immer eins: Hier stimmt was nicht. Hier läuft gerade etwas nicht gut.

Und das Wichtigste, das ich beim Thema Wut lernen durfte, ist hinzuhören. Und ganz genau hinzuschauen. Was stimmt nicht? Was läuft nicht gut? Warum werde ich eigentlich wütend? Was genau an meinem Kind macht mich eigentlich so verdammt wütend?

Oft weist uns unser Kind mit dem Verhalten, das uns so wütend macht, auf etwas hin. Auf unsere Grenzen, unsere unerfüllten Bedürfnisse oder unsere Verletzungen.

Nicht das Kind macht uns wütend. Noch nicht mal sein Verhalten. Sondern das, auf das es uns hinweist.

Ich möchte auf die drei Punkte nochmal genauer eingehen:

1. Wut kann uns zeigen, dass unsere Grenzen überschritten wurden.

Kennst du deine Grenzen? Weißt du wo du anfängst und wo du aufhörst? Weißt du wie viel Nähe dir gut tut? Und wie viel Lärm?

Ich kannte meine Grenzen lange Zeit nicht. Ich spürte sie lange Zeit erst dann, wenn mein Kind (oder ein anderer Mensch) sie einmal zu oft übertreten hatte. Und dann spürte ich das durch meine Wut.

2. Wut kann uns auf unsere unerfüllten Bedürfnisse hinweisen.

Kennst du deine Bedürfnisse? Sorgst du dafür, dass sie erfüllt werden? Merkst du rechtzeitig (!), wenn sie unerfüllt bleiben?

Ich kannte meine Bedürfnisse lange Zeit nicht. Oder nahm zumindest selten wahr, wenn sie nicht erfüllt waren. Und wenn doch hatte ich die Idee, dass andere sie mir erfüllen müssen.

Und dann war da dieses kleine Kind und irgendwann dann zwei und drei. Und sie hatten (und haben) alle große Bedürfnisse, die sie deutlich zeigten. Und ich sollte und wollte sie alle erfüllen. Aber etwas in mir schrie, weil meine eigenen Bedürfnisse nicht erfüllt waren. Und niemand sie sah. Nicht einmal ich.

3. Wut kann uns auf Verletzungen hinweisen.

Sie kann uns auf ganz aktuelle Verletzungen hinweisen. Aber auch auf alte. Auf Verletzungen aus unsrer Kindheit. Die nie Gelegenheit hatten zu heilen. Auf Wunden, die wieder aufreißen, sobald sie berührt werden.

Kennst du das auch, dass deine Kinder treffsicher deine Themen finden? Deine Wunden und Verletzungen, die noch nicht geheilt sind.

Die ersten Jahre meines Mutter-Seins habe ich das sehr intensiv so erlebt. Und ganz ehrlich, am Anfang fand ich das furchtbar. Ich wollte diese Verletzungen nicht noch einmal spüren. Ich wollte meine Wunden und Narben nicht anschauen. Ich wollte verdammt-noch-mal einfach nicht, dass mein Kind mich daran erinnerte.

Aber nach und nach, Schritt für Schritt, wagte ich es dann doch hinzuschauen. Ich habe mit Begleitung gesucht, Unterstützung. Ich schaute behutsam und vorsichtig auf das, was unter meiner Wut lag. Und durfte so vieles entdecken und anschauen, was dann langsam heilen durfte.

Und das ist wunderbar. Zu erleben, wie alte Wunden heilen. Zu erleben, wie alte Schmerzen verschwinden. Zu erleben, wie ich dadurch wieder freier atmen kann. Zu erleben, wie ich dadurch so viel mehr Liebe für meine Kinder spüren kann. Zu erleben, wie ich dadurch so viel mehr Freude und Leichtigkeit in meinem Leben habe. Das ist so wunderbar.

Fazit: Ist die Wut mein Feind oder mein Freund?

Lange Zeit war meine Wut mein Feind. Ich sah nur ihre Zerstörung. Ich kämpfte gegen sie an.

Aber nach und nach lernte ich auf sie zu hören. Hinzuhören, auf das was sie mir sagen will. Hinzuschauen auf das, was unter ihr liegt.

Am Anfang ging das nur im Nachhinein. Mittlerweile höre ich immer öfters auch in der Situation ihr Stimme und erkenne, was sie mir sagen will.

Seitdem ist die Wut mein Freund. Ein guter Freund, der mich auf das hinweisen will, was nicht gut ist. Auf mich und meine Grenzen. Auf Ungerechtigkeit. Auf Unrecht. Ein guter Freund, dem ich zuhören will. Sie hat etwas zu sagen, unsere Wut.

Die Wut ist ein Gefühl. Ein Gefühl wie alle anderen. Ein Gefühl, das zu unserem Leben gehört. Ein Gefühl, dass für uns und unser Leben wichtig ist.

Wie geht es dir mit deiner Wut? Ist sie dein Feind oder dein Freund?

Wenn es dir geht wie mir vor ein paar Jahren, möchte ich dich ermutigen, dir so wie ich, Hilfe und Begleitung zu suchen, um anzuschauen, was deine Wut dir alles sagen möchte.

Wenn du möchtest, bin ich für dich da.

Hier kannst du dich über meine Angebote informieren.

Oder du schreibst mir einfach eine E-Mail.

Herzliche Grüße,

Judith 💛✨

 

 

 

 

4 Kommentare

  1. Wow! So habe ich meine Wut noch nie betrachtet. Das tat jetzt grad so unheimlich gut deinen Artikel zu lesen! Das hat nachhaltig etwas an meiner Selbstansicht geändert. Danke!!!

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