Kennst du diesen Gedanken? „Ich will dieses Chaos nicht mehr!“ Und kennst du die Gefühle dahinter?

Und wirst du trotzdem immer wieder vom Chaos überrollt. Weil im Zimmer deiner Kinder die Spielzeugkisten scheinbar explodiert sind? Oder sich überall Dinge stapeln, die du dringend einmal wegräumen solltest?

Und kennst du es, dass du plötzlich wütend wirst, wenn du eine neue Chaos-Explosion deiner Kinder entdeckst?

Dann lade ich dich ein diesen Blogartikel zu lesen. Und einzutauchen in meine Gedanken über Chaos, Gefühle, Bedürfnisse und Klarheit. Und nebenbei lernst du auch noch meine Zwiebelmethode kennen.

An einem Tag mitten im November…

Schon seit Tagen habe ich wenig Energie. Ich bin müde, ruhebedürftig. Seit Wochen haben wir in der Familie einen Infekt, der einzelne oder uns alle mal mehr, mal weniger stark belastet. Zusätzlich bin ich in meinem Zyklus im Herbst. Und meine Schilddrüse ist in einer Unterfunktion.

Alles Gründe, warum ich gerade nicht belastbar bin. Schnell überreizt. Und dadurch schnell gereizt.

Und dann, plötzlich, sehe ich nur noch Chaos. Das Wohnzimmer ist eh schon in Unordnung. Und die Kinder haben die letzten Tage auch noch alles mögliche aus ihren Kinderzimmern nach unten geschleppt. Und als ich sehe, wie mein Jüngster zum wiederholten Male mit Freude und ohne (für mich erkennbaren) Sinn Sachen durch die Gegend schmeißt, passiert es: Ich werde unglaublich wütend. Und in meiner Wut werde ich zu einer blöden Mecker-Mama, die schreit und fiese Dinge sagt.

„Warum macht ihr immer so ein Chaos? Und nie räumt ihr auf! Ich habe keine Lust mehr auf dieses Chaos! Am liebsten würde ich jetzt sofort alles wegwerfen. Es hilft mir hier ja eh nie jemand beim Aufräumen!“

Meine Kinder schauen mich erschrocken an. Meine Tochter sagt weinerlich „Ich will dir ja helfen, Mama“, und fängt direkt damit an.

Ich fange an wütend aufzuräumen. Mecker noch ein wenig vor mich hin. Und dann verschwindet sie wieder. Die Wut. Und ich kann meine Kinder sehen. Zu ihnen hingehen. Sagen, wie doof ich mich verhalten habe. Und wir räumen noch eine Runde friedlich miteinander auf.

Was war da los?

Später beginne ich nachzudenken. Über diese Wut. Und was sie mir sagen will. Denn meine Wut will mir immer etwas sagen. Das habe ich gelernt. (Und hier habe ich ausführlich darüber geschrieben.)

Klar ist: Ich will meine Kinder nicht anschreien. Nie. Und doch habe ich es getan. Wegen Unordnung und Chaos. Und um etwas daran zu ändern, brauche ich Klarheit. Klarheit darüber, was hinter diesem Anschreien steckt.

Die Zwiebelmethode

Den Frauen, die ich begleite, empfehle ich dafür die Zwiebelmethode. Dafür schauen wir auf eine Situation. Und entfernen Schicht für Schicht. Bis wir erkennen, was im Innern liegt.

Schicht 1 – Situationsbeschreibung

Als erstes beschreibe ich die Situation. Was war offensichtlich los?

Ich kam ins Wohnzimmer. Bemerkte das Chaos, dass sich in den letzten Tagen schleichend vergrößert hatte. Sah meine Kinder spielen. Und sah, wie mein Jüngster Dinge um sich warf. Und dann begann ich zu schreien.

Schicht 2 – Welche Gedanken hatte ich?

Als zweites überlege ich, welche Gedanken mir in diesem Moment durch den Kopf schossen.

  • Scheiße, warum ist hier so viel Chaos?
  • Ich schaff das nie, hier wieder Ordnung zu schaffen.
  • Überall stapelt es sich!
  • Ich brauche Zeit zum Aufräumen. Und Kraft. Aber ich habe gerade keine Kraft.
  • Ich fühl mich nicht wohl, so wie es hier aussieht!
  • Bitte schmeiß nicht schon wieder alles rum!
  • Ich will weniger Zeug.
  • Und ich bin verantwortlich für all das hier. Jeder macht Chaos und keiner räumt auf.

Schritt 3 – Welche Gefühle hatte ich?

Das offensichtliche Gefühl in dieser Situation war Wut. Aber wenn ich genau hinschaue, war da so viel mehr unter dieser Wut.

  • Angst
  • Überforderung
  • Müdigkeit
  • Überreizung
  • Mutlosigkeit
  • Hilflosigkeit

Und dann schaue ich mir diese Gefühls-Liste noch einmal an. Und überlege, welches Gefühl wohl am stärksten war.

Und da ist es mir ganz klar. Ich fühle mich überfordert. Chaos führt bei mir zu Überforderung. Und in meiner Überforderung fühle ich mich schwach. Deshalb hat die Wut das Steuer übernommen. Denn in unserer Wut fühlen wir uns stark.

Schritt 4 – Welches Bedürfnis steckt hinter meinen Gefühlen?

Gefühle sind immer Ausdruck von Bedürfnissen. Entweder von erfüllten Bedürfnissen, oder von unerfüllten Bedürfnissen.

In meinem Fall ganz klar – unerfüllte Bedürfnisse.

Ich denke nach: Welches Bedürfnis wurde hier laut?

  • Mein Bedürfnis nach visueller Ordnung, Klarheit und Ruhe. – Durch meine große Reizoffenheit brauche ich das sehr.
  • Ein Bedürfnis nach Kontrolle. – In diesem Moment hatte ich das Gefühl, dass Ausmaß des Chaos nicht mehr kontrollieren zu können.
  • Mein Bedürfnis nach Erholung. – Das durch die gesundheitlichen Baustellen gerade sehr groß war, und sich durch das Chaos plötzlich unerreichbar anfühlte.
  • Mein Bedürfnis nach Hilfe und Unterstützung. – Es ist tatsächlich so, dass ich hier die allermeiste Aufräumarbeite mache.

Klarheit

Nachdem ich das alles wusste, konnte Klarheit in mir entstehen.

Ich weiß, für die Erfüllung meiner Bedürfnisse bin ich als Erwachsene selbst zuständig. (Das durfte ich übrigens auch erst lernen.)

Also mache ich einen Plan, was ich tun kann, um mir meine Bedürfnisse zu erfüllen.

  • Das ist übrigens schon Punkt 1: Ich mache einen Plan. Dadurch erfülle ich mir mein Bedürfnis nach Kontrolle.
  • Ich nehme eine gute Routine wieder auf, die ich aus dem Blick verloren habe: Jeden Tag 15 Minuten Chaosbeseitigung. Ich weiß aus Erfahrung, dass das zeitlich machbar ist und ich in so kurzer Zeit erstaunlich viel schaffen kann, wenn ich das kontinuierlich mache.
  • Ich fange mit etwas an, das mir leicht fällt. Diesen guten Rat hatte ich erst vor ein paar Tagen in einem Coaching-Gespräch gegeben. Und ich lerne, meine Ratschläge auch anzunehmen.
  • Ich achte die nächsten Tage bewusst auf mich, damit mein Körper Ruhe und Erholung bekommt.
  • Ich spreche mit meiner Familie, dass es mir wichtig ist, dass unser Zuhause ordentlicher wird und das ich ihre Hilfe brauche.

Die Umsetzung

Eine Frau aus unserer Gemeinde sammelt gerade gebrauchte Kleidung, um sie mit einem humanitären Hilfstransport nach Ost-Europa zu schicken.

In unserem Keller stapelt sich aussortierte Kleidung. Eigentlich zum Verkauf… Aber jetzt packe ich sie zusammen und trage die Säcke aus dem Haus.

Das tut gut. Ich fühle mich ein wenig freier. Und dazu kommt das gute Gefühl, wenn man einem anderen Menschen etwas Gutes tut.

Ein Schritt ist getan. Ein kleiner Schritt. Aber genau das brauchen wir auch. Kleine, machbare Schritte.

Unser Chaos ist noch nicht verschwunden. Ich vermute, solange in unserem Haus Kinder leben, wird das auch nich der Fall sein. Aber ich habe wieder ein Stück Kontrolle über das Chaos bekommen. Über das Chaos im Außen. Und auch über das Chaos im Innern.

Dadurch, dass ich hingesehen habe. Hinter meine Wut. Hinter meine Worte. Dadurch, dass ich mir Fragen gestellt habe. Und die Augen nicht verschlossen habe vor dem, was in mir ist. Dadurch dass ich Verantwortung übernommen habe, für meine Wut und das Schreien.

Und ich lade dich ein, das nächste Mal, wenn du zur Mecker-Mama wirst, auch hinzuschauen. Nicht währenddessen. Das ist oft viel zu schwer. Aber danach. Schau hinter dein Meckern, Schicht für Schicht.

Herzliche Grüße, Judith

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