Verbindung mit meinem inneren Kind

Dein inneres Kind. Kennst du das schon? Bist du ihm schon einmal begegnet? Weißt du wie es ihm geht?

Und: Was ist das überhaupt? Ist das real? Und was hat das mit dir zu tun?

Ganz ehrlich? Als ich das erste Mal etwas von diesem inneren Kind gehört habe, hat mich das ziemlich genervt. Ich war damals in Gesprächstherapie. Und immer wieder kam die Sprache auf dieses Kind. Und dass ich mir vorstellen soll, dass es neben mir auf dem Sofa sitzt und was ich ihm sagen würde.

Da saß aber niemand. Nur ich. Ich mit all meinen Verletzungen, all meinen Lasten, all meinen Glaubenssätzen, all meinen Erfahrungen, all meiner Wut und meinem ganz großen „Aber“.

Aber dieser Gedanke mit dem inneren Kind hat sich bei mir irgendwie eingeschlichen. Und irgendwann habe ich gemerkt, dass das Thema wohl doch wichtig für mich ist. Und dass ich dieses Kind irgendwo in mir suchen und finden darf.

Ich habe mich auf die Suche gemacht. Und habe es gefunden. Ich habe viel Schmerzhaftes und viel Wunderbares erlebt auf meiner Suche. Und ich habe eine tiefe Verbindung zu diesem kleinen Mädchen entwickelt.

Und heute helfe ich anderen Frauen, dem kleinen Mädchen in sich zu begegnen. In Verbindung zu kommen mit diesem Kind. Und dadurch auf eine ganz tiefe Art und Weise mit sich selbst.

Was ist das innere Kind?

Der Begriff „inneres Kind“ stammt aus der Psychologie und ist schon einige Jahrzehnte alt. In den letzten Jahren wurde der Begriff durch verschiedene Büche und Angebote immer bekannter.

Das innere Kind ist ein Bild für all das, was in unserem Nervensystem aus unserer Kindheit abgespeichert ist. Es symbolisiert alle aus dieser Zeit gespeicherten Erinnerungen, Erfahrungen und Gefühle.

Gespeichert ist in unserem Nervensystem alles, was wir bis jetzt erlebt haben. Die schönen, angenehmen Erfahrungen. Und auch die unangenehmen, schmerzhaften. All unsere Erfahrungen -und vor allem die Gefühle dabei- sind in uns abgespeichert. Ob wir uns bewusst an diese Erfahrungen erinnern können oder nicht, sie sind Teil von uns.

Immer wieder gibt es Situationen in unserem Leben, durch die sich unser System an eine Erfahrung erinnert und die dazugehörigen und abgespeicherten Gefühle dazu wachruft.

Viele von euch kennen das vermutlich, dass ein bestimmter Geruch oder ein Geschmack uns an etwas erinnert und ein Gefühl in uns auslöst. Bei mir ist das z.B. der Geruch einer Handcreme, die meine Mutter früher oft benutzt hat. Dieser Geruch löst in mir ein angenehmes Gefühl von Nähe und Geborgenheit aus.

Es gibt aber auch die anderen Situationen, in denen wir an einen Schmerz, eine Verletzung oder einen Mangel erinnert werden. Und das dazugehörige Gefühl wie aus dem Nichts in uns aufsteigt.

In beiden Situationen kann man davon sprechen, dass unser inneres Kind aktiv wird.

Sonnenkind und Schattenkind

Ich mag die Aufteilung von Stefanie Stahl in Sonnenkind und Schattenkind. Das Sonnenkind symbolisiert alle positiven, stärkenden Erinnerungen. Das Schattenkind die Erinnerungen, die bis heute einen Schmerz in uns auslösen.

Ich finde es so wichtig, dass wir nicht nur auf das Schattenkind schauen. Sondern auch auf das Sonnenkind.

Dieses Sonnenkind ist in jedem von uns. Wir alle haben auch positive Erinnerungen an unsere Kindheit.

Manchmal ist das Sonnenkind ein wenig verschüttet. Es lohnt sich aber sehr, es zu wecken und seine Stärken wieder zu entdecken.

Wecke dein Sonnenkind

Um dein Sonnenkind zu wecken lade ich dich als erstes dazu ein, dich an schöne Momente in deiner Kindheit zu erinnern.

Wenn dir nicht direkt etwas einfällt kannst du dir dabei helfen, indem du Fotos aus deiner Kindheit anschaust, oder Erinnerungsstücke. Oder du redest mit Menschen, die dich schon als Kind kannten.

Das müssen keine großen Erinnerungen oder besonderen Erlebnisse sein. Oft sind es die kleinen Dinge, die uns unser Sonnenkind zeigen.

Dein Lieblingsessen als Kind, der Spielplatz deiner Kindheit, ein Geburtstag, ein Besuch bei deinen Großeltern, …

Suche dir eine Erinnerung aus und versuche sie so genau wie möglich zu beschreiben. Schließe dazu die Augen und überlege dir:

  • Wie sieht es in deiner Erinnerung aus? Welche Menschen siehst du? Wie sieht die Umgebung aus, in der du bist?
  • Was hörst du in deiner Erinnerung? Hörst du Stimmen? Gibt es Naturgeräusche?
  • Was spürst du? Ist es warm oder kalt? Ist dein Untergrund hart oder weich?
  • Was riechst du? Riecht es nach Essen? Nach Feuer? Nach Wald?
  • Was schmeckt du? Gibt es ein bestimmtes Essen oder Getränk in deiner Erinnerung?
  • Und als letztes: Wie fühlst du dich? Welche Gefühle steigen bei dieser Erinnerung in dir auf?

In meinen Coaching-Angeboten mache ich diese Erinnerungsübung gemeinsam mit den Frauen. Ich führe sie mit Methoden der Entspannungstechnik zuerst in und dann Schritt für Schritt durch die Erinnerung.

Und es ist immer wieder berührend zu sehen, wie schnell und mühelos eine Erinnerung aufsteigt und wie ein Leuchten über das Gesicht der Frauen geht.

Warum ermutige ich dazu?

Erstens wecken diese Erinnerungen positive Gefühle, die in uns gespeichert sind. Wenn wir uns an diese Gefühle erinnern, werden sie wieder freigesetzt und schicken positive Impulse durch unser Nervensystem. Uns geht es dadurch also schlichtweg besser.

Zweitens können wir dadurch herausfinden, was wir aktiv tun können, um im Alltag diese „Sonnenkind -Gefühle“ zu wecken. Die Dinge, die in unserer Erinnerung vorkommen, können genau diese Gefühle immer wieder und wieder auslösen.

Und wir können herausfinden und uns bewusst machen, welche positiven Glaubenssätze unser Sonnenkind in sich trägt. Sätze wie „Ich bin geliebt“, „Ich werde versorgt“, „Ich kann etwas“. Diese Sätze können uns in herausfordernden Zeiten stärken und ermutigen.

Ein waches und aktives Sonnenkind stärkt uns und macht uns resilient.

Tröste dein Schattenkind

Wie schon gesagt: Alles was du als Kind erlebt hast, ist in deinem Nervensystem gespeichert. Die schönen, sonnigen Momente. Aber auch die schmerzhaften Momente.

Und diese gespeicherten Erinnerung der schmerzhaften Momente symbolisiert das Schattenkind.

Momente, in denen du dich als Kind allein gefühlt hast. Momente, in denen Worte oder Taten dich verletzt haben. Momente, in denen du beschämt wurdest. Momente, in denen du traurig warst und keinen Trost erfahren hast.

Immer wieder gibt es in unserem Erwachsenen-Leben Situationen, in denen sich dieses Schattenkind zeigt. Und das Kommando übernimmt. Dass sind dann Situationen, in denen wir für das Außen „unangemessen“ oder „übertrieben“ reagieren.

Wir schreien unser Gegenüber an. Oder zischen fiese Gemeinheiten. Wir reagieren mit eiskaltem Schweigen oder flüchten aus der Situation. Und das obwohl objektiv gesehen vielleicht gar nichts Schlimmes passiert ist.

Im Außen ist vielleicht auch tatsächlich nichts Schlimmes passiert. Aber im Innern. Es gibt nämlich immer wieder Situationen, die unser Schattenkind an einen alten Schmerz erinnern. Ein Schmerz, der noch nicht heilen konnte. Und der bei der Erinnerung daran wieder genau so heiß aufflammen kann, wie bei der eigentlichen Schmerzsituation. Manchmal sogar noch stärker. Weil sich der Schmerz immer tiefer in unser Nervensystem ein brennt.

Deshalb empfehle ich immer dann, wenn wir mit objektivem Blick extrem auf eine Situation reagieren (mit großer Wut, großer Traurigkeit, großem Schmerz, großer Angst) tiefer zu schauen. Auf die Gefühle und Gedanken die diese Situation auslöst. Und darauf, woher wir diese Gedanken kennen.

Unser Schattenkind hat aus seinen Verletzungen heraus starke Sätze entwickelt, die uns bis ins Erwachsenen-Alter blockieren können. Sogenannte negative Glaubenssätze. Und es lohnt sich so sehr, diese Sätze zu entlarven und zu entkräften. Darüber habe ich einen eigenen Blog-Artikel geschrieben.

Was braucht dieses verletzte Schattenkind, wenn es in einer Situation plötzlich wieder laut wird? Ganz einfach: das was alle verletzten Kinder brauchen. Es will gesehen werden, gehalten werden, getröstet werden.

Das heißt, zuerst ist es wichtig, dass du es erkennst. Dass du erkennst, dass das was da gerade wütet und schreit und weint dein Schattenkind ist. Und dass der Schmerz, den du spürst, ein alter Schmerz ist, vielleicht vermischt mit einem neuen.

Und dann darfst du das diesem verletzten Kind sagen. Also dir. Und das meine ich wirklich so. Rede mit dir. Am Besten laut.

Ich sage dann zB zu mir. „Hallo kleine Judith. Da bist du ja wieder. Puh, du bist ganz schön wütend und traurig. Ich sehe dich. Und ich verstehe dich.“

Und wenn ich weiß, an welchen alten Schmerz die Situation mich erinnert hat, sage ich zB noch: „Ja. Das war schlimm damals. Und du hast dich so allein gefühlt.“ Und dann dürfen auch Tränen kommen und der Schmerz darf fließen.

Und dann sage ich zB noch: „Aber das ist jetzt vorbei. Jetzt bin ich erwachsen.“

Und weil mein Schattenkind dazu neigt zu kämpfen, wenn es an seinen Schmerz erinnert wird sage ich noch: „Du musst jetzt nicht mehr kämpfen. Ich bin jetzt groß. Ich beschütze dich.“

Ja, ich gebe zu. Am Anfang fühlt sich das ziemlich seltsam an, so mit sich zu reden. Aber es lohnt sich trotzdem so sehr. Und wenn wir das immer wieder machen, wird dieses Gespräch immer selbstverständlicher.

Und wenn du jetzt noch nach Ideen suchst, wie du dir selbst Trost schenken kannst, empfehle ich dir diesen Blogartikel von mir.

Stärke dein Erwachsenen-Ich

Das was in den Situationen immer wieder passiert, wenn wir an einen alten Schmerz erinnert werden ist, dass unser Schattenkind das Steuer übernimmt und nicht mehr wir, als Erwachsene. Unser Verhalten ist dann tatsächlich oft so, wie das von einem kleinen Kind. Und das, obwohl wir natürlich eigentlich in unsrer Entwicklung viel, viel weiter sind.

Hilfreich ist im ersten Schritt, dass wir uns das bewusst machen. Dass wir uns immer wieder dabei ertappen, dass wir auf der Ebene eines verletzten Kindes reagieren und nicht mehr als Erwachsene handeln. Zu Beginn gelingt das meist nur im nachhinein. Mit etwas Übung können wir das aber immer besser auch schon in der Situation wahrnehmen.

Und dann hilft es, sich selbst „Stopp“ zu sagen und innerlich einen Schritt zurück zu treten. Und sich dann ganz klar zu sagen: „Ich bin jetzt kein Kind mehr. Ich bin erwachsen.“ Und dann -je nach Situation oder Erinnerung- können Sätze helfen wie: „Ich bin jetzt nicht mehr hilflos“, „Ich bin nicht mehr von meinen Eltern abhängig“, „Ich bin jetzt selbst für mich verantwortlich“, „Ich darf und kann jetzt eigene Entscheidungen treffen“, „Jetzt bin ich die Mama“.

Hilfreich kann außerdem sein, dass mit der eigenen Körperhaltung zu unterstützen. Sich aufrecht hinzustellen. Körperliche Anspannung bewusst loszulassen. Und sich selbst ermutigend zu zu lächeln.

Auch hier kann sich das beim ersten Mal etwas seltsam anfühlen. Aber ich ermutige dich sehr, es trotzdem immer immer wieder zu versuchen.

Wichtig für unser Erwachsenen-Ich ist außerdem, dass wir uns immer wieder als selbstwirksam erleben, als kompetent und als selbstständig. Wenn du also bemerkst, dass du oft in deinem Alltag auf eine kindliche Ebene rutscht, suche dir bewusst Tätigkeiten, bei denen du dich genau so erlebst.

Du darfst dein inneres Kind nachnähren und dein Erwachsenen-Ich stärken, indem du zB

  • dich regelmäßig fragst wie es dir geht und was du brauchst.
  • Verantwortung für dich und deine Bedürfnisse übernimmst.
  • Entscheidungen triffst.
  • dir selbst vertraust und dir etwas zutraust.
  • anderen vertraust und Kontrolle loslässt.
  • und…

Und jetzt wünsche ich dir jetzt eine wertvolle Entdeckungsreise. Zu deinem Sonnenkind. Zu deinem Schattenkind. Zu deinem Erwachsenen-Ich. Und damit zu dir.

Wenn du magst begleite ich dich dabei. Melde dich bei mir und wir machen ein kostenloses Kennenlerngespräch aus, um zu schauen, ob wir zu einander passen.

Herzliche Grüße, Judith

2 Kommentare

  1. Liebe Judith, du hast eine wirklich gute Zusammenfassung dessen gemacht, was das Innere Kind bedeutet.
    Ich bin im letzten Jahr meinem inneren Kind bei unserer gemeinsamen Grundausbildung beim IPE zum ersten Mal bewusst begegnet und es war eine wirklich schöne Erfahrung. Seitdem bin ich auf meinem Pfad weitergegangen und mache nun eine Ausbildung zum systemischen Familienaufstellen.
    Ich erkenne Parallelen bezüglich des inneren Kindes und der Aufstellungsarbeit, wo es immer wieder darum geht, dass Kinder aus Liebe und unbewusst Bürden, Glaubenssätze und Verhaltensweisen übernehmen. Es sind Strukturen, die eigentlich zu einem anderen Sippenmitglied gehören, der es grundsätzlich nicht möchte, dass ein jüngeres Mitglied z.B. Verhaltensweisen ausgleicht…..
    Ich habe gelernt, Kinder und ihre Verhaltensweisen sind Symptomträger, vorausgesetzt diese Symptome sind eine Last, die nicht zu kompensieren sind.
    So passiert es, dass Kinder diese Last mit ins Erwachsenenalter mitnehmen, bis sie Probleme kriegen, sich nicht mehr in ihrer Haut wohlfühlen, an chronischen Erkrankungen leiden…
    Wichtig ist an des Pudels Kern zu kommen und dann heißt es in die Heilung gehen, auch sich selbst Lieben und akzeptieren….
    Puh, ich hoffe ich war jetzt nicht zu ausschweifend.
    Danke für diesen schönen Text und ich wünsche dir von ganzen Herzen weiterhin gute Besserung ❤️‍🩹 und viel Erfolg 🍀
    Lieben Gruß
    Natascha 🙋🏼‍♀️🌸☀️❤️

  2. Liebe Judith,
    danke für diesen tollen Überblick zum inneren Kind. Selbst mir als Psychologin ging es anfangs so, dass ich anfangs oft dachte „Puuh, was soll das immer alles mit dem inneren Kind… nicht alles hat immer mit einer Erfahrung aus unserer Kindheit zu tun…“ Ja klar- nicht immer alles. Aber doch so oft. Und genau wie Du schreibst: Es tut einfach so gut und ist so heilsam sich unseren inneren kindlichen Anteilen zuzuwenden und darauf zu schauen was sie uns sagen können und wollen.
    Deshalb: DANKE, dass du diesen Artikel geschrieben hast!

    Alles Liebe! Prisca

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