Ich wache von einem Piepsen auf.

Eine Tür öffnet sich. Ich höre Schritte und leise Stimmen.

Es ist der zweite Morgen, an dem ich im Krankenhaus aufwache. Nicht als Patientin, sondern als Begleitperson meines Kindes.

Ich nehme euch heute also mit in einen Tag, der alles andere als Alltag ist.

Wir wissen nicht wirklich, was uns heute erwartet. Vermutlich an einem Sonntag aber nicht viel. Eine Ärztin wird kurz vorbei schauen. Und für den Nachmittag hat sich Besuch angekündigt.

Was ich auch nicht weiß ist, ob ich etwas zum Frühstück bekomme. Mein Kind ist schon zu groß. Essen für die Begleitperson nicht vorgesehen. Wenn ein Tablett übrig bleibt, wird es mir aber gebracht.

Direkt neben unserem Zimmer ist die Kaffeeküche. Das bedeutet: Kaffee ist mir immerhin sicher. 😉

Heute Morgen ist ein Frühstück für mich übrig. Mein Sohn und ich nehmen uns gemütlich Zeit dafür.

Danach beschließt mein Sohn, dass jetzt die richtige Zeit ist zum Fernsehen.

Was für ein Luxus. Direkt nach dem Frühstück wieder ins Bett zum Fußball gucken.

Und ich nutze diesen Luxus, um in Ruhe in den Tag zu starten.

Ich habe mir Dinge eingepackt, die mir gut tun. Denn das es mir gut geht, ist elementar wichtig, wenn ich mein Kind durch den Krankenhausalltag begleite.

Mein Bett steht direkt neben einer großen, breiten Fensterbank, die zu meinem Lieblingsplatz in diesem Zimmer geworden ist. Ich nehme mir Zeit zum Schreiben, zum Lesen, zum Beten, zum Fühlen, zum Denken, zum Telefonieren, …

Schreib-Zeug, meine Bibel, Bücher, Kaffee und einen Keks. Das alles hilft mir, dass ich mich hier wohlfühle.

Mein Sohn freundet sich in der Zwischenzeit mit seinem neuen Bettnachbar an. Sie stellen fest, dass sie das gleiche Spiel gerne zocken und nutzen das gute W-LAN für ein Spiel gegeneinander.

Direkt gegenüber von unserem Fenster ist der Hubschrauberlandeplatz. Immer wieder können wir beobachten, wie ein Hubschrauber landet und startet.

Es ist faszinierend zuzuschauen. Und gleichzeitig bin ich dankbar, dass niemand, den ich kenne, so hierher transportiert wird.

Ich nutze die gute Sicht, um meinen Kindern zuhause ein Video zu schicken.

Zum Mittagessen bekomme ich nichts. Mein Sohn teilt aber mit mir und freut sich auf die Aussicht, dass wir uns später noch etwas beim Kiosk kaufen.

Für Krankenhaus-Essen ganz ok.

Gestern hatten wir lieben Besuch mit viel leckerem Obst im Gepäck. Ich freue mich über die Heidelbeeren, die ich mit einem übrigen Joghurt vom Frühstück esse.

Besuch mit Mitbringseln ist so wunderbar im Krankenhaus.

Die zwei Patienten aus meinem Zimmer bekommen von den Pflegekräften verordnet, sich ein wenig zu bewegen. Wie schön, dass ich sie alleine ziehen lassen kann.

Sie freuen sich über den Tischkicker im Aufenthaltsraum.

Ich nutze die Zeit für eine Mittagspause. Mein Körper ist nach wie vor schwach. Schmerzen und Fatigue begleiten meine Tage. Auch hier im Krankenhaus nehme ich mir Zeit, auf meinen Körper zu hören und ihm -so gut es geht- zu geben was er braucht.

Ich freue mich darüber, dass ich für ein paar Minuten die Augen schließen kann.

Am Nachmittag kommt Besuch. Mein Mann und meine anderen Kinder kommen zu uns. Ich freue mich, sie alle wieder zu sehen. Sie freuen sich, bei uns zu sein. Wir alle freuen uns, dass die Pflegekräfte beide Augen zudrücken und alle drei hier sein dürfen. Eigentlich sind nämlich nur zwei Besucher am Tag erlaubt.

Das Highlight ist natürlich das fahrbare Bett.

Danach machen wir mit unseren Gästen einen Rundgang durch die wichtigen Plätze in der Klinik.

Ganz wichtig ist die Arche im Eingangsbereich. Ein toller Spielbereich für alle Kinder, die fit genug zum Toben sind.

die Arche im Olgäle

Mein Mann und ich nutzen die Zeit für einen Kaffee zu zweit. Ein paar Sätze können wir in Ruhe wechseln. In mir sind heute viele Gefühle. Heute vor einem Jahr waren wir fünf auch schon alle zusammen in einem Krankenhaus. Damals um meinen Mann ein paar Tagen nach seinem Schlaganfall abzuholen. Heute wegen einem unserer Kinder. Der Sturm in unserem Leben scheint kein Ende zu nehmen.

Zeit miteinander. So kostbar. Und kein bisschen selbstverständlich.

Ich verabschiede meine Familie mit komischen Gefühlen. Es fällt mir schwer, meinen Mann und zwei meiner Kinder zu verabschieden. Wir wissen nicht, wie lange wir getrennt sein werden. Wir wissen nicht, was die nächsten Tage bringen wird. Gleichzeitig bin ich dankbar, dass ich bei unserem kranken Kind bleiben darf.

Unseren Abend verbringen wir ruhig. Der Besuch war schön. Gleichzeitig aber auch anstrengend. Mein Kind liest Comics. Ich mache mir noch einen Tee, wärme mein Dinkelkissen auf und nehme meinen Laptop, um diesen Artikel zu tippen.

Fühlend, denkend, schreibend meinen Tag reflektieren. Darum mag ich das Format 12von12 so sehr.

Ich nehme mir noch einmal Zeit, um in mich einzuchecken. Wie geht es mir am Ende diesen Tages? Ich bin müde. Meine Muskeln schmerzen. Aber innerlich fühle ich mich ruhig. Ich fühle mich getragen. Weiß, dass viele Menschen an uns denken und für uns beten. Und das spüre ich.

Wie es die nächsten Tage weitergeht, weiß ich nicht. Aber ich entscheide mich zu vertrauen. Jeden Tag neu. Manchmal jede Minute. Ich lege das Leben und meine Lieben in Gottes Hände. Auch das jeden Tag.

Im Moment fühlt sich vieles schwer an. Im Außen. In mir. Aber ich entscheide mich für die Freude. Trotzdem.

Und diese Freude wünsche ich dir auch. Ganz egal, wie dein Alltag gerade aussieht.

Herzliche Grüße,

Judith

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