„Schreibe einen Brief an dein früheres frischgebackenes Mama-Ich“, so lautet die Einladung Jenny Macholds von moms4moms in ihrer aktuellen Blogparade. So eine schöne Aufgabe, denke ich mir direkt beim Lesen. Die möchte ich gerne annehmen.

Und dann sitze ich da. Und erinnere mich zurück an die Geburt meines ersten Kindes. An die Geburt von meinem Mama-Ich. Ich erinnere mich zurück an die ersten Stunden. An die ersten Tage. An das erste Jahr. Und plötzlich bin ich selbst überrascht von den vielen Gefühlen, die in mir hochkommen.

Ich stelle mich den Gefühlen. Stelle mich den Gedanken. Stelle mich den Erinnerungen.

Brief an mich selbst:

Liebe Judith im Dezember 2011,

ich sehe dich vor mir. Auf dem Bett im Kreissaal. Erschöpft und gleichzeitig glücklich. Erfüllt und leer zugleich von dem, was gerade passiert ist. Verletzt und voller Schmerzen. Voller Liebe für diesen kleinen Mensch auf dir. Voller Unsicherheit. Voller Staunen. Voller Hilflosigkeit. Voller Dankbarkeit. Und völlig überwältigt von den vielen unterschiedlichen und tiefen Gefühlen, die dich in diesem Moment überströmten.

Ich sehe dich vor mir. Im Auto auf dem Heimweg. Nur ein paar Stunden später. Das winzige Baby hinten auf der Rücksitzbank. Und plötzlich wurde dir bewusst, dass du und dein Mann jetzt verantwortlich seid. Nur ihr. Und der Gedanke löste Angst aus.

Ich sehe dich vor mir. Im Bett zu Hause. Dein winziges Baby dicht an dir. Du warst so glücklich uns stolz. Und so erschöpft. Und dein Baby war so wach und hungrig. Hungrig nach Leben, hungrig nach Nähe, hungrig nach Milch. Und du hast dich gefragt, warum du auf Fotos immer schlafende Neugeborene gesehen hast.

Ich sehe dich vor mir. Auf dem Sofa. Mit Besuch. Die alle unbedingt kommen wollten. Das neue Baby sehen. Und dein Mann wollte unbedingt allen das Baby zeigen. Und da Weihnachtsferien waren, hatten alle Zeit. Einer nach dem anderen. Und du hattest nicht den Mut zu sagen, dass du einfach nur alleine mit deinem Baby sein möchtest.

Ich sehe dich vor mir. Weinend auf dem Bett. Mit unerträglichen Schmerzen beim Stillen. Mit Angst vor dem nächsten Anlegen. Und mit einem Baby, dass so oft stillen wollte.

Ich sehe dich vor mir. Wie du durch die Wohnung gehst. Mit weinendem Baby auf dem Arm. Und selbst weinend. Weil du so müde warst. Und keine Idee mehr hattest, wie du dein Kind beruhigen kannst. Und du wolltest doch alles richtig machen und gut. Und du wolltest, dass es deinem Baby gut geht. Immer.

Ich sehe dich vor mir. Wie du mit deinem Baby im Arm auf dem Sofa sitzt. Voller Liebe und Glück und Dankbarkeit. Viel mehr Liebe wie ich jemals zuvor gefühlt habe.

Ich sehe dich vor mir. Und würde dich so gerne in den Arm nehmen. Ich würde dich gerne halten und weinen lassen. Ich würde dich gerne halten und mir von deinem Glück erzählen lassen. Ich würde dich gerne halten und dir sagen, dass ich diese Gleichzeitigkeit von Liebe und Schmerz so gut verstehen kann. Und dass sie ok ist. Und dass das Leben leichter macht, wenn man diese Gleichzeitigkeit anerkennt.

Ich sehe dich vor mir. Und würde dir gerne Mut machen für dich und dein Baby einzustehen. Zu anderen Menschen öfters nein zu sagen und zu dir und dem Baby dafür öfters ja. Mehr auf dein Gefühl zu hören und weniger auf Aussagen anderer, die dein Baby nicht so kennen wie du.

Ich sehe dich vor mir. Und würde dir gerne sagen, dass du nicht perfekt sein musst. Das Fehler zum Leben dazugehören. Und das wir nie aufhören zu lernen.

Ich sehe dich vor mir. Und würde dir gerne sagen, dass du wichtig bist. Du. Deine Gedanken und Gefühle. Deine Bedürfnisse. Und das die oberste Priorität sein darf, gut für dich zu sorgen.

Ich sehe dich vor dir. Mit deinem Baby. Und sehe die Jahre die noch kommen. Die zwei weiteren Babys die noch kommen. Ich sehe die Freude und das Glück. Aber auch die unendliche Erschöpfung, die du erfahren wirst. Ich sehe wie du Mutter wirst. Und wie du dich selbst in diesem Mutter-sein verlierst. Und dadurch keine gute Mutter mehr sein kannst.

Und ich sehe den Weg, auf den du dich gemacht hast. Den Weg zu dir. Und dadurch auch zu deinen Kindern. An vielen Strecken unendlich schmerzhaft. Und doch so wertvoll.

Ja. Du bist Mama. Aber du bist auch du. Und das wieder zu erkennen war so wichtig

Ich sehe dich vor mir. Und möchte dir sagen, dass ich stolz auf dich bin. Und dass ich mich über dich freue.

Deine Judith im November 2022

Das Nachdenken über mich und Schreiben an mich hat etwas in mir bewegt. Ich bin selbst erstaunt über manche der Worte, die aufs Papier geflossen sind.

Was mir beim Schreiben dieser Gedanken wieder einmal bewusst wurde: Nichts hat mich und mein Leben so sehr verändert als Mama zu werden. Niemand hat so viel Veränderung in mir angestoßen, wie meine Kinder.

Und -ganz ehrlich- ich hatte damit nicht gerechnet. Dass ich mich ein wenig verändere schon. Dass sich mein Alltag verändert, na klar. Schon allein dadurch, dass ich erstmal zuhause blieb und Elternzeit nahm.

Aber – nicht – so.

Nicht in diesem Ausmaß. Nicht in dieser Intensität. Nicht in dieser Tiefe.
Ich dachte, ich weiß Bescheid. Ich dachte wirklich, ich bin vorbereitet.
Ich dachte, ich wüsste wie das geht mit der Erziehung.
Ich meine: Hallo? Ich war Pädagogin. Lehrerin. Habe jahrelang Jugendarbeit gemacht. War verheiratet. Und wir haben uns beide ganz bewusst dafür entschieden ein Kind zu wollen und uns darauf gefreut.
Ich werde das mit dem Mama-sein, das mit der Erziehung ganz locker machen. Oder?

Ich hatte keine Ahnung!

Keine Ahnung von dieser tiefen Liebe, die mein Baby in der ersten Sekunde in mir weckte.
Keine Ahnung von den Schmerzen beim Stillen.
Keine Ahnung von der Verzweiflung, wenn mein Baby nicht schlafen konnte.
Keine Ahnung von der Wut, die ein Kleinkind in mir auslösen konnte.
Keine Ahnung von der großen Erschöpfung, in die mich die Mutterschaft führen würde.

Ich hatte keine Ahnung von den vielen alten Verletzungen, die noch in mir waren und die durch meine Kinder wieder aufbrachen.
Ich hatte keine Ahnung von dem kleinen Mädchen in mir, dass anfing aufzustampfen und zu schreien, wenn meine Kinder eine dieser Verletzungen berührten.
Ich hatte keine Ahnung, wie viele Glaubenssätze mir und meinen Kindern das Leben schwer machen würden.

Ich hatte keine Ahnung davon wie schmerzhaft und anstrengend es sein wird, mich all diesen Themen zu stellen.

Ich hatte keine Ahnung davon wie wunderbar es sein wird, mich all diesen Themen zu stellen. Wie sehr ich dadurch heilen darf. Und wachsen. Und dadurch verändern.
Wie sehr ich dadurch zu mir selbst finden würde. Wie sehr ich dadurch mich finden würde.
Wie sehr ich dadurch zu der Frau werden würde, die ich wirklich bin.

Ich bin noch nicht fertig. Das werde ich nie sein. Leben ist Entwicklung. Ich gehe weiter.
Schritt für Schritt.

Und ich bin so dankbar und glücklich darüber, dass ich mittlerweile andere Mamas in diesen Schritten begleiten darf. Auf dem Weg hin zu sich. Auf dem Weg zu Heilung. Oft durch die Tiefe und durch den Schmerz. Hin zu mehr Freude, Fülle und Leichtigkeit.

Herzliche Grüße,

Judith

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